Rolf Grasse:   Ohne Aussöhnung gibt es keinen wirklichen Frieden

Frieden ist immer und überall möglich

Eine Hommage an einen Freigeist von Peter Wagner

 Es sind die Zeichen, die die Welt verändern

                                               – die Entschuldigung als Schlüssel zur Versöhnunggrasse-rolf

 

Für den Stifter Rolf Grasse war von Anfang an klar, dass viele ihn als Spinner, Aufschneider oder jemanden bezeichnen würden, der mit diesem Stiftungsmodell einfach nur Steuern sparen will. Eine typisch deutsche Verhaltensweise, oft nur der Ausdruck von bodenlosem Neid, nicht selbst auf diese oder eine andere Stiftungsidee gekommen zu sein oder ein Zeichen von Missgunst, dass ein solches Bürgerengagement öffentliche Anerkennung erzeugt. Rolf Grasse ließ sich dadurch nie beirren und hielt konsequent an seiner Idee fest.

„Ich muss eigentlich als ein bisschen verrückt gelten, einfach so eine Million Euro für eine Stiftung zu spenden“, gestand er mit strahlendem Lächeln im September 2014 „diese Spende macht mich aber ganz einfach persönlich glücklich“. Und wer ihn richtig kennt, der weiß, dass er es genau so meint. Er sah darin die Chance das Erbe Willy Brandts nachhaltig im Bewusstsein der Menschen zu verankern, am liebsten über Generationen hinweg. Der Wunsch seine Stiftung einzurichten wurde immer dringlicher, so sehr sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. Das sollte sein Vermächtnis werden, nach einem viel zu kurzem aber erfolgreichen Leben.

Entstanden ist die Stiftungs-Idee in langen Gesprächen auf einer Wanderung mit seiner Frau Birgit Grasse durch den Bayerischen Wald nach Passau.

Der Blick in die Vergangenheit, die Erlebnisse in seiner Kindheit und der Zeit des Erwachsenwerdens waren für ihn der Ansporn, nicht nur über eine bessere Welt und einen europäischen Frieden zu philosophieren, sondern selbst „Hand anzulegen“.  Er wollte etwas schaffen, was in unserer Gesellschaft und den künftigen Generationen nachhaltig wirken könnte. Der Kniefall Willy Brandts am 7. Dezember 1970 in Warschau hat ihn dabei nie losgelassen, er wurde zur Initialzündung für ihn, eine „Versöhnungsstiftung“ zu gründen. Diese spontane Geste in Warschau war nicht nur der Beginn einer neuen Ostpolitik, sondern gipfelte in dem Ende des Kalten Krieges und sorgte für Frieden, der bis heute anhält. Das war seine feste Überzeugung. Eine  Geste, die unbestritten nicht nur bei den Menschen in Polen, sondern in der ganzen Welt für Aufmerksamkeit sorgte und einen tatsächlichen Aussöhnungsprozess möglich machte.

Das Warschauer Ereignis ist für Rolf Grasse der klare Beweis dafür, dass Frieden schaffen eigentlich gar nicht so schwer sein muss. Mit dem ganz einfachen Wort „Entschuldigung“ kann oft mehr erreicht werden, als mit großen Worten und Reparationszahlungen. Das Wort „Entschuldigung“ oder „Verzeihung“ ist für ihn der Schlüssel für Frieden und Versöhnung und er ist davon überzeugt, dass dies in der ganzen Welt funktionieren kann. Dabei geht es ihm schon lange nicht mehr allein um den „7. Dezember 1970“. Das Erinnern an den Kniefall Willy Brandts ist das eine. Rolf Grasse sieht aber in Wirklichkeit weit mehr Ansatzpunkte. Die jährliche Musikveranstaltung in der Kirche und weitere aufmerksamkeitserzeugende Aktivitäten möchte der Stifter auch als „Weckruf“ für die politisch Verantwortlichen verstanden wissen. Mit dem „kirchlichen Musikfest“ und auch weiteren gesellschaftlichen Aktivitäten, soll auch immer wieder darauf hingewiesen werden, dass der Schlüssel für Frieden und Aussöhnung auch noch in anderen Ländern und Regionen eingesetzt werden kann, sollte und muss. Die Begegnung vor einigen Jahren mit einer 22jährigen Japanerin bei einem Studentenaustausch war dabei für ihn prägend. Sie hasse die Chinesen, sagte sie in einer Friedensdiskussion, weil sie sich bis heute für ihre Gräueltaten nicht entschuldigt hätten.
Für Rolf Grasse ist es keine Frage, dass es auch für die Deutschen noch zahlreiche Gründe gibt, um Vergebung zu bitten. Er nennt dabei die norwegischen Provinz „Finnmark“, die von der damaligen deutschen Wehrmacht gebrandschatzt und völlig zerstört wurde oder an die Massaker und das Leid der Menschen in Leningrad und Stalingrad. Nicht zu vergessen auch Sant `Anna di Stazzema, dort wurden 1944 Hunderte von Frauen, Kindern und alte Männer aus Rache ermordet. Eine Entschuldigung auch dort wäre aus seiner Sicht der erste, richtige und unverzichtbare Schritt in Richtung zu einer wahrhaften Aussöhnung. Er weiß aber auch, dass dies keine „Einbahnstraße“ ist.  „Auch die Siegermächte haben vielerorts durch Racheaktionen große Schuld auf sich geladen und ebenfalls allen Grund, dafür aufrichtig um Verzeihung zu bitten“, stellte Rolf Grasse noch einmal ausdrücklich fest.

Darüber immer wieder nachzudenken und zu sprechen, Menschen davon im richtigen Rahmen zu überzeugen, das ist genau die Sache des überzeugten Christen Rolf Grasse. Daher ist es natürlich kein Zufall, dass er als überzeugter und mit der Kirche eng verbundener Christ ein jährliches Konzert als „Musikfest der Erinnerung und Mahnung“ für Jugendliche und Erwachsene in einer der vier Innenstadtkirchen Lübecks stattfinden lassen möchte. Er weiß aber auch, dass man mit diesen kirchlichen Konzerten nur die Menschen erreichen kann, die Kirchgänger sind oder der Kirche nahestehen.
In Gesprächen mit Lübecker Schülern und Jugendlichen wurde ihm irgendwann klar, dass das nicht reichen konnte und das Spektrum der „Erinnerungsaktivitäten“ ausgeweitet werden müssten. „Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen, dass viele jungen Leute wenig und zum Teil gar nichts über Willy Brandt und die Bedeutung dieser Geste für Frieden und Aussöhnung wussten“, sagte er. Darum wurde es ihm immer wichtiger, vielfältige Veranstaltungen für Schüler und Jugendliche auch außerhalb der Kirche unter dem Dach der Stiftung durchzuführen. Er dachte dabei auch an Begegnungen mit ausländischen Schulen, Konzerte für Jugendliche und junge Erwachsene und öffentlichkeitswirksame Events und Bürgeraktionen, die die Botschaft Willy Brandts bei den Menschen langfristig in Erinnerung halten. Alle Mittel, auch ungewöhnliche, seien ihm recht, wenn er mit dieser Stiftung dieses Ziel erreichen könnte, sagte er. Er war ein „Überzeugungstäter“ und hatte sein Ziel klar im Visier. Übrigens auch was seine Kirche anging. Das Jahreskonzert habe für ihn einen besonderen Stellenwert, schließlich wisse er als traditionsbewusster Hanseat, dass sein Lübeck von jeher als die „Weltstadt der Kirchenmusik“ gelte. Es sei wie im richtigen Leben, dass die gute Mischung den Erfolg ausmache.

 

 

 

Lübeck, den 5. September 2014

 

Peter Wagner

 

 


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